Nach einer desaströsen Premiere versuchte Neofonie, oder besser gesagt die WePad GmbH WeTab GmbH, noch zu retten, was zu retten ist, und präsentierte diesmal keine Videos, die in einer Endlosschleife unter Windows 7 laufen, sondern die aktuelle WeTab-Software.

Leider hat der Geschäftsführer der Neofonie Hoffer von Ankershoffen auch diesmal nicht ganz begriffen, dass er sich mit Apple und insbesondere Steve Jobs messen muss. Eine Präsentation muss großartig sein, um neben diesem bestehen zu können. Statt einer gut strukturierten Präsentation gab es nur eine Aneinanderreihung von Features, die vorgestellt wurden:

Tenor der ganzen Präsentation war die größere Flexibilität und Freiheit, die das WeTab bieten soll. Und natürlich Flash. Also ganz konventionelles Feature-Listing. Ich habe mehr als Du, also ist mein Produkt besser. Hat ja schon beim iPhone nicht funktioniert. Viele Käufer wollen “besser”, was aber nicht unbedingt “mehr” heißt.

Klar, die preissensitive Zielgruppe bevorzugt es genau umgekehrt. Aber diese entspricht nicht der Zielgruppe Apples. Deren Ziel ist es, ein möglichst einfaches und elegantes Produkt zu entwickeln. Es gilt das Credo “weniger ist mehr”.

Neuer Name, neues Glück?

WePad ist passé. WeTab heißt das Baby jetzt. Begründung?

Um unser Produkt am internationalen Markt für Tablet-Computer noch deutlicher abzugrenzen, ändern wir mit Wirkung ab heute den Produktnamen unseres Tablet-Computers in WeTab.

Schwach. Sehr schwach sogar. Durch Nutzung des generelleren Begriffs Tablet anstelle Pads hat sich der Hersteller nicht wirklich abgegrenzt. Diese Gerätekategorie ist zudem durch in der Form und Funktion deutlich unterschiedliche Geräte schon besetzt: Konventionelle Notebooks, die ein drehbares und klappbares Display haben, welches mit einem Stift bedient werden kann und Handschriftenerkennung beherrscht. Zumindest mit der Windows Tablet-PC Edition.

Pad wäre deutlich besser gewesen, um sich genau von diesen Geräten abzugrenzen. Und die Nähe zum Platzhirschen iPad hätte garantiert nicht geschadet. Außer Apples Anwälten wäre langweilig und sie vertreiben sich die Zeit ein wenig mit Marken oder Warenzeichen-Spielchen. Was wohl der wahre Grund für die Namensänderung war. Eine ehrliche Begründung wäre besser gewesen.

Breite Unterstützung durch die Presse

Die Vorstellung des WeTabs erfuhr eine breite Unterstützung durch die Presse. Sogar auf zweierlei Arten. Zum einen durch eine intensive Berichterstattung – schließlich waren sie froh, mal aus einer anderen Sichtweise über das iPad berichten zu können und auch mal Apple schlecht davon kommen lassen zu können – und zum anderen durch die Verlagsseite, die Apple nicht wie die Musikindustrie Apple mit iTunes zur Quasi-Anlaufstelle im Netz für Bezahlinhalte werden zu lassen.

Das WeTab ist ein Rückschritt

Warum? Wie oben schon geschrieben: Apple frönt dem Credo “weniger ist mehr” und hat sehr erfolgreich das Interface so gut wie möglich von der Oberfläche verbannt und durch Gesten und Multi-Touch ersetzt. Das WeTab fügt genau diese wieder hinzu durch so genannte “Thumb Bars” an beiden Bildschirmseiten.

WeTab mit Thumb Bar
WeTab mit Thumb Bar, © Sebastian Knoth 2010

Das ist einfach ein Schritt zurück und erinnert an die Funktionstasten, die seit Urzeiten PC-Tastaturen zieren. Dieses konventionelle und für diese Geräteklasse veraltete Bedienkonzept wird trotzdem weiterhin von der eher technisch orientierten Zielgruppe favorisiert.

Keinesfalls wird es einfach sein

Durch den offiziellen “Jailbreak”, den das WeTab ab Werk mitbringt, können Entwickler und auch Anwender direkt auf das Betriebssystem (Linux) durchgreifen und Einstellungen vornehmen. Das bedeutet, dass es Unmengen von Anwendungen, Anleitungen und How Tos geben wird, die diese Tipps, Tricks und Tweaks zum Inhalte haben werden. Nutzer werden über entsprechende Tablet-Portale oder Google auf solche Seiten stoßen.

Die beim iPad und iPhone vorhandene Einfachheit wird durch solche Inhalte massiv torpediert und verwirrt und verunsichert die technisch weniger versierten Nutzer, welche die eigentliche Zielgruppe dieser Gerätekategorie darstellen.

Inkompatibilitäten unter den Android-Tablets

Unterschiedliche Tablets von unterschiedlichen Herstellern werden unterschiedliche Hardware und Funktionalitäten unterstützen. Dadurch steigt der Entwicklungs- und Testaufwand für Entwickler enorm. Nur Google könnte ein “Made for Android Tablet”-Programm starten, wonach es aber nicht aussieht. Google tritt nur als Technologie-Provider auf. Daher erwarte ich eine Fragmentierung des Android-Marktes mit ähnlichen Problemen, wie sie der PC-Markt seit Jahren hat.

Läuft es oder läuft es nicht? Diese Frage müssen sich Anwender dieser eher heterogenen Welt stellen. Das reduziert die Einfachheit, die das iPhone und das iPad in Perfektion vorleben, so stark, dass sich die Frage stellt, ob so ein Gerät dann neben einem Notebook oder Netbook überhaupt Sinn macht.

iPad: “Casual Surfing” als neue Computerverwendung

Die Einfachheit und Direktheit des iPads bei gleichzeitiger größerer Darstellungsfläche im Vergleich zum iPhone wird, sobald potentielle Käufer diese Erfahrung nach längeren Tests bei Besitzern des iPads gemacht haben, eine neue Verwendung von Computern darstellen.

Casual Surfing mit dem iPad
Casual Surfing mit dem iPad, © Apple, Inc.

Ein Notebook oder Netbook funktioniert nur im Sitzen gut. Ein iPad hingegen auch in jeder Position auf dem Sofa. Das Internet ist ein integraler Bestandteil des Lebens geworden. Ein iPad fügt sich perfekt in diese “gemütliche Welt” ein. Die Teilnahme an Social Networks wird angenehm direkter. Das wird normalsterbliche ansprechen.

Fazit

Unabhängig von der Qualität des WeTabs halte ich es für eine sehr schwierige Aufgabe, ein Gerät weltweit auf den Markt zu bringen und zu supporten. Rein aus der Hardware-Sicht. Zudem auch noch die Software zu entwickeln, zu supporten und weiterzuentwickeln und ein entsprechendes Marketing zu betreiben, damit Entwickler für diese Plattform Software erstellen und vertreiben, um ihr damit erst das Leben einzuhauchen, halte ich für unglaublich schwierig. Aber das Ganze gegen den 800 Pfund Gorilla Apple mit deutlich mehr Expertise in allen Bereichen, mehr Talent und einem Vorsprung von 2-3 Jahren zu schaffen, halte ich fast für unmöglich. Auf jeden Fall für die WeTab GmbH.

Zumindest kann sich Neofonie/WeTab damit brüsten, das wahrscheinlich erste Konkurrenzprodukt zum iPad heraus gebracht zu haben. Es werden bessere Android-basierte Tablets und Pads von den üblichen Verdächtigen auf den Markt kommen, die Apple eher gewachsen sind.

Die abschließende Gretchenfrage lautet also: WeFail?

Update

Das WeTab kommt am 20. September in die Media-Märkte. Richard Gutjahr hat eines der auszuliefernden Geräte in einem ausführlichen Artikel mit Videos getestet.

(Foto: WeTab mit Widgets, © Sebastian Knoth 2010)